Blick der Wirtschaft auf die Schulstrukturreform

Aus Sicht der Wirtschaft ist eine Schulreform dringend geboten. Abgesehen davon, dass es nicht hinnehmbar ist, wenn junge Menschen durch eine gescheiterte Schulkarriere schon am Beginn ihres Lebens jede Perspektive verlieren: die demografische Entwicklung zwingt uns, den Teil der Schulabgänger, der die Schule ohne Abschluss oder nicht ausbildungsreif verlässt, drastisch zu reduzieren. Gelingt uns das nicht, werden wir schon bald ein ausgewachsenes Nachwuchsproblem bei unseren Fachkräften haben. Es muss also etwas geschehen und die Wirtschaft ist auch willens, ihren Teil dazu beizutragen. Die IHK Berlin hält deshalb die Zielsetzungen der Schulstrukturreform für richtig und sieht diese prinzipiell auch auf einem guten Weg.

Sie bietet die Möglichkeit, mehr Jugendliche zum Schulabschluss zu führen und damit die bildungspolitischen Ziele von Lissabon und Dresden voran zu bringen. Besonders wichtig ist aus Sicht der Wirtschaft der erhöhte Praxisbezug durch das Duale Lernen an den Sekundarschulen. Dies betrifft zum einen das verpflichtende Lernfach „Berufsorientierung“ sowie die Vorgabe, Betriebserkundungen und betriebliche Praktika für alle Schülerinnen und Schüler vorzusehen. Zum anderen haben bisherige Erfahrungen gezeigt, dass Jugendliche, die mit schulischen Mitteln allein nicht mehr für den Schulbesuch gewonnen werden können, durch die zukünftig ebenfalls verbindlichen sog. Praxisklassen oder durch unterrichtsbegleitende Praktika erfolgreich wieder an einen regelmäßigen Tagesablauf und damit an den Spaß am Lernen herangeführt werden können. Wichtig ist dabei die sozialpädagogische Begleitung.

Und hier setzen die Sorgen der IHK an: ist die Reform wirklich ausfinanziert? Und wird es gelingen, das Personal in den Schulen „mitzunehmen“ auf die Reise?

Die Schulstrukturreform kann nur gelingen, wenn die personellen und baulichen Voraussetzungen für den Ganztagsbetrieb geschaffen sind. Die baulichen Maßnahmen dürfen sich nicht auf den Bau von Mensen beschränken, sondern es werden auch Aufenthalts- und Teilungsräume benötigt, damit neue pädagogische Ansätze nicht an räumlichen Beschränkungen scheitern. Die notwendige, grundlegend andere Gestaltung eines schulischen Alltags, kann man nicht mit der Beschäftigung von einigen wenigen Erzieherinnen und Erziehern bewältigen. Man benötigt dazu mehr engagierte Lehrkräfte, die darüber hinaus auch von administrativen Aufgaben entlastet werden müssen. Die EDV-Ausstattung einer Schule gehört in die Hände eines Systemadministrators und kann nicht nebenher von Lehrkräften bewältigt werden. Die Mittel aus dem Konjunkturpaket II reichen hierfür bei weitem nicht aus.

Eine bildungspolitische Reform in Berlin kann – wie die Vergangenheit gezeigt hat – schnell scheitern, wenn die Lehrerinnen und Lehrer, die Schulleiterinnen und Schulleiter nicht von der Wichtigkeit von Veränderungen überzeugt sind. Auf sie wird es aber ganz besonders ankommen, wenn es um die konkrete Umsetzung vieler Detailfragen geht. Hierzu ist Engagement, besser noch Enthusiasmus erforderlich, das Reformkonzept so umzusetzen, dass Lernen und Lehren Spaß macht und auch Erfolge zeigt.

Das alles in wenigen Weiterbildungsveranstaltungen zu vermitteln, wird schwierig bis allzu schwierig.

Und: mit der Reform sind bei weitem nicht alle Forderungen der Wirtschaft an gute Schule erfüllt:

  • Personal- und Sachmittelhoheit für die Schulleiter
  • Leistungs- und belastungsbezogene Bezahlung der Lehrkräfte
  • Vermittlung von Wirtschaftswissen, am besten mit einem eigenen Fach und dafür ausgebildeten Lehrern

sind Essentials, die die IHK Berlin auch weiterhin einfordern wird.

 

 

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