Gedanken zur Schulstrukturreform in Berlin
Helge Dietrich, Landesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung – Landesverband BerlinSchule und Erziehung haben seit den sehr schlechten Ergebnissen Deutschlands bei verschiedenen europäischen Untersuchungen zum Leistungsvermögen von Schülerinnen und Schülern einen hohen Stellenwert in der Öffentlichkeit.
Die Diskussionen über Sinn und Nutzen des in Deutschland üblichen dreigliedrigen Schulsystems werden unverändert heftig geführt.
Konsens scheint zu sein, die Hauptschule zu Gunsten eines dann zweigliedrigen Systems abzuschaffen. Diese Schulform gilt als nicht reformierbar. Allerdings gibt es auch Hauptschulen, die erfolgreich arbeiten, wobei der Erfolg darin liegt, dass für die Schülerinnen und Schüler nach Beendigung ihrer Schulzeit berufliche Perspektiven vorhanden sind. Zu beachten ist jedoch, dass mit der Abschaffung der Hauptschule nicht gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler abgeschafft werden. Diese Klientel wird es auch weiterhin geben.
Eine neue Schulform muss also auch für benachteiligte Jugendliche Angebote bereithalten, die für die Betroffenen eine langfristige Lebensperspektive bieten.
In Berlin sollen die Schulformen der Sekundarstufe 1 Hauptschule, Realschule und Gesamtschule zu einer Sekundarschule genannten neuen Schulform zusammengefasst werden. Die schon in der Planung befindliche Gemeinschaftsschule soll Teil dieser neuen Schulform werden. Daneben wird es nur noch das Gymnasium geben. Beide Schulformen werden das Abitur anbieten, das Gymnasium jedoch schon nach insgesamt 12 Jahren, die Sekundarschule erst nach 13 Jahren.
Hier gibt es schon jetzt erste Bedenken, denn nach der 6. Klasse wird sich die Frage ergeben, nach welchen Kriterien die Schülerinnen und Schüler ausgewählt werden, die das Recht erhalten sollen, das Gymnasium zu besuchen. Die Bildungsverwaltung favorisiert ein Losverfahren. Dies stößt jedoch auf den Widerstand der betroffenen Eltern. Auch der VBE lehnt eine solche Schülerlotterie und spricht sich für ein Verfahren aus, dass auf dem Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler basiert. Dies ist auch deshalb sinnvoll, da ja in Zukunft an beiden Schulformen das Abitur abgelegt werden kann. Leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern, die mehr Zeit zum Lernen benötigen, wird damit eine Chance zur Erlangung des Abiturs eröffnet, die sie bislang nicht hatten.
Die Bildungsverwaltung wünscht auf der einen Seite eine Ausstattung mit Lehr- und Führungspersonal, die sich an der Ausstattung der Gesamtschule orientieren soll. Das bedeutet z.B. eine vorgegebene Anzahl von Fachbereichs- und Fachleiterinnen und -leitern. Gleichzeitig wird jedoch die Forderung erhoben, die Schulstrukturreform kostenneutral durchzuführen. Dies bedeutet, die Quadratur des Kreises zu erfinden. Aus gewerkschaftlicher Sicht kann man einer entsprechenden personellen Ausstattung nur zustimmen, erhalten nun in Zukunft mehr Lehrkräfte als bisher eine Chance zum beruflichen Aufstieg. Hier muss die Bildungsverwaltung schon noch erläutern, welche Schwerpunkte sie zu setzen gedenkt.
Als man im letzten Jahr die Idee der Gemeinschaftsschule entwickelte und auf den Weg brachte, war klar, dass diese Schulform erheblich mehr Arbeit für die Lehrkräfte bedeuten würde, da in der Gemeinschaftsschule grundsätzlich auf eine irgendwie organisierte äußere Leistungsdifferenzierung verzichtet werden soll. Vielmehr wird man den unterschiedlichen intellektuellen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler durch eine gute Binnendifferenzierung gerecht. Dies bedeutet jedoch erheblich mehr Arbeitsaufwand für die Lehrerinnen und Lehrer.
Für die neue Sekundarschule gibt es von Seiten der Bildungsverwaltung noch keine Vorgaben über die Art und Weise der Leistungsdifferenzierung. Wünschenswert wäre aus Sicht des VBE eine äußere Leistungsdifferenzierung, die sich nicht unbedingt an dem FEGA-System der Gesamtschule orientieren muss.
Auch bei den Kollegien der Hauptschulen stieß die geplante Schulstrukturreform zunächst auf Zustimmung. Diese ging allerdings sehr schnell zurück, als sich herausstellte, dass die günstige Klassenfrequenz der Hauptschule zu Gunsten einer wesentlich ungünstigeren Variante aufgegeben werden soll. Nach letzten Informationen aus der Bildungsverwaltung soll die Durchschnittsfrequenz bei 24 Schülerinnen und Schülern liegen. Das bedeutet natürlich, dass es auch in Zukunft Lerngruppen mit erheblich mehr als 24 Schülerinnen und Schülern geben wird. Der VBE Berlin fordert stattdessen eine Höchstfrequenz von 20.
Somit bleibt zu konstatieren, dass die geplante Sekundarschule zwar so schnell wie möglich in Berlin eingeführt werden soll, aber viele Dinge müssen noch durchdacht und geplant werden.
Alle politischen Parteien wollen den Stellenwert von Bildung erheblich erhöhen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die im Bildungsbereich Tätigen erwarten jedoch, dass den wohlgesetzten Worten auch Taten folgen. Bisher bleibt aus gewerkschaftlicher Sicht nur festzustellen, dass die Schulstrukturreform offensichtlich nichts weiter als ein weiteres Sparmodell sein wird. Dafür allerdings sollte uns allerdings unsere Jugend zu schade sein.


